Lesung mit Katharina Saalfrank in der Buchhandlung Gillmeister

Gestern pünktlich um 19:30 Uhr (ich liebe die deutsche Pünktlichkeit) begann die Lesung mit Katharina Saalfrank, bekannt als Super Nanny von RTL. Und ich muss eines vorweg nehmen: Dank dieses Abends habe ich richtig Lust auf Erziehung, nein Beziehung, und freue mich auf die Aufgabe, eine Mutter zu sein.

Es ist unglaublich wie 1,5 Stunden einen Menschen, eine Ansicht, verändern können. Als ich nach Hause kam, war meine 10-jährige Zwergin noch wach und meinte nach dem Gute-Nacht-Kuss noch ein wenig mit dem iPod surfen zu können. Blöd nur das Mama immer alles mitbekommt. Noch einen Tag zuvor wäre ich in ihr Zimmer gestürmt und hätte ihr das Dingen weggenommen. Gestern habe ich ganz ruhig mit ihr über Vertrauen gesprochen. Das ich ihr vertraue, dass sie am Abend nicht mehr im Internet surft und das ich traurig bin, dass sie dieses Vertrauen missbraucht. Kein Geschrei, kein Aufregen meinerseits, sondern große Kulleraugen die mich entgeistert anschauen und eine Tochter die plötzlich sagt „Mama, du hast recht. Ich mach jetzt aus und schlafe!“ Hä, was ist denn da passiert? Ich hab ja mein Ziel erreicht und mich gar nicht aufgeregt. Cool (das nur mal so am Rande; ein bißchen mehr Ruhe tut uns allen gut, glaube ich).

Jetzt aber zurück zur Lesung, die in der Buchhandlung Gillmeister mal wieder in einem sehr ansprechenden Rahmen gehalten wurde. Es gibt neben Wasser auch leckeren Wein, blöd nur das ich aufgrund eines spontanen Handtaschenwechsels meine Geldbörse vergessen habe.

Frau Saalfrank hat ein Buch geschrieben „Du bist ok, so wie du bist – Das Ende der Erziehung“, in dem sie die These aufstellt: „Kinder brauchen keine Erziehung, sie brauchen eine Beziehung zu ihren Eltern“. Hm, sehr interessant, ging es doch vor einigen Jahren im TV um Erziehung und um Konsequenzen (Stichwort Stille Treppe), wenn die Kids nicht so „funktionierten“. Da ich selbst in diesem Erziehungschaos stecke, brannte ich auf diesen Abend, durch den im übrigen Hubertus Heil führte, nicht nur um euch von Autoren berichten zu können, sondern um selbst den ein oder anderen Tipp zu bekommen. Es geht los und ich stelle mir die Frage: schafft es Frau Saalfrank, dass ich mir am Ende des Abends das Buch kaufe?

Die Erzählung geht los, denn eine richtige Lesung ist es nicht. Vielmehr macht Frau Saalfrank den Zuhörern auf eine überaus sympathische Art und Weise klar, was bisher unter dem Begriff „Erziehung“ in den Haushalten passiert ist. Die Buchhandlung ist voll, das Publikum gemischt. Von „ich will noch mal Mama werden“ bis hin zu „ich brauche Tipps für meine Enkel“ ist alles dabei. Sogar einige Männer. Wobei es mir entschieden zu wenig sind. Ist Erziehung immer noch Frauensache?

Nach einer netten und bereits zum Nachdenken anregenden Ansprache von Hubertus Gillmeister, spricht Herr Heil einige Worte und dann kommt endlich Frau Saalfrank zu Wort, die nach eigener Aussage zum ersten Mal in einer Buchhandlung eine Lesung abhält. „Kinder müssen nicht erzogen werden, es ist wichtiger eine gute Beziehung zu dem Kind aufzubauen!“ So ihr Statement. Ist das des Rätsels Lösung? Es geht darum, dass der Begriff „Erziehung“ eine Beziehung zum Kind kennzeichnet. Wie ist es um die Qualität der Beziehung zum Kind heute bestellt? Wahrscheinlich eher schlecht, ansonsten würde es nicht so viele Problemfälle geben. Wir alle stecken in dieser Erziehungsmaschinerie und haben feste Vorstellungen. Kinder müssen gehorchen, dass wird einfach von uns Eltern vorausgesetzt und davon nehme ich mich nicht aus. Oftmals aufgrund von Zeitsorgen muss das Kind einfach dann sein Zimmer aufräumen, wenn es mir passt, muss die Hausaufgaben machen, wenn ich es sage, darf keine eigenen Erfahrungen machen, weil ich Angst vor den Konsequenzen habe.

„Funktioniert“ mein Kind nicht, dann drohe ich mit Strafen. Zudem kontrollieren, bevormunden, belehren, ermahnen, kritisieren und loben wir Eltern Kindern. Das sind die Mechanismen der Erziehung, die wohl überholt sind.

19:50 Uhr – Glückwunsch Frau Saalfrank, Sie haben mich überzeugt. Das Buch ist gekauft.

Doch was sagt mir der Ratgeber – der keiner ist – nun? Er sagt mir ich soll mich und mein Handeln, meine Werte und Ansichten reflektieren. Warum soll mein Kind gerade jetzt aufräumen, wenn es doch in der Lage ist sich gerade mit sich selbst so wunderbar zu beschäftigen?

In der Diskussion kommt die Frage, ob das Buch nicht zur Regellosigkeit aufruft. Und irgendwie hat es ja den Anschein. Ich soll ja praktisch meinem Kind nicht mehr vorschreiben, was es jetzt zu tun hat. Doch uns ist doch allen klar, das Kids auch ruhig im Haushalt helfen können, Hausaufgaben machen müssen und hin und wieder das Zimmer aufräumen ist ja auch nicht schlecht. Darauf die Fachfrau: „Kinder brauchen Regeln, es kommt aber darauf an, wie ich das rüber bringe. Verpackt man Regeln als Ritual z.B. „wir decken den Tisch gemeinsam, jeden Tag, damit wir gemütlich zusammen essen können“, dann klingt das viel sanfter als eine Regel oder ein „deck jetzt den Tisch, du kannst hier auch ruhig helfen“.

“So wenig Regeln wie möglich, dafür viele Rituale – und diese auch vorleben!”

Im Buch geht es u.a. auch um die Problematik ADHS, bei der es sich meiner Meinung nach um eine hausgemachte Erkrankung handelt, die vor allem in Familien auftaucht, in denen es eben keine Beziehung zum Kind gibt – keine schlechte, keine gute, einfach nichts. Aber das ist ein anderes Thema. Anhand von Beispielen erklärt Frau Saalfrank die Problematik und der immer schnellere Griff zu Medikamenten. Der aber nicht erforderlich ist, baut man eine andere Beziehung zum Kind auf und bezieht Kinder mit in Entscheidungen ein. Sie macht auch deutlich, was ADHS überhaupt heißt. Es bedeutet Auffälligkeit, von der Norm abweichend. Nun der Gedankenanstoß: was ist die Norm? Jede Auffälligkeit ist gleich eine Krankheit, ohne das Eltern hinterfragen, warum das Kind so reagiert, sich so verhält. Ohne dem Kind eine Freiheit einzuräumen, selbst zu entscheiden, wie es in bestimmten Situationen reagiert.

“Situationen mit Kindern einfach mal sensibler wahrnehmen. Kommuniziere mit deinem Kind!”

Dieses Buch ist kein Ratgeber. Da steht nichts drin von „du musst in dieser Situation dies oder das machen“. Das Buch wirft Ideen auf, gibt Anregungen und soll als Alternative zur herkömmlichen Erziehung verstanden werden. Trauen wir unseren Kindern einfach mal ein bißchen mehr zu. Ich bin fest davon überzeugt, dass so nicht nur selbstsichere, freundliche Menschen entstehen, sondern auch der Part Eltern wesentlich entspannter ist.

Ich spreche eine ganz ausdrückliche Empfehlung für dieses Buch aus. Es sollte eine Pflichtlektüre für Eltern sein, kann sicher auch vielen Lehrern und Erziehern im Arbeitsalltag helfen und ist auch ein Denkanstoß für Diejenigen, die sich gegen Kinder entscheiden. Die Beziehung zu anderen Menschen ist bei vielen kompliziert, kann durch das Gedankengut der Frau Saalfrank aber in vielen Bereichen aufgeschlüsselt werden. Die Botschaft des Abends:

„Wir reden so oft über Kinder – aber nie mit ihnen!“

 Schade fand ich nur das Frau Saalfrank kaum Zeit hatte. Um 21.15 Uhr war die Veranstaltung bereits vorbei. Die Super Nanny musste zurück nach Berlin, weil sie ihre Kinder nicht über Nacht allein lassen wollte. Ein gelungener Abend, mit vielen neuen Ideen und Anregungen und natürlich einem neuen Buch. Stopp. Zwei neuen Büchern. Neben “Du bist ok, so wie du bist: Das Ende der Erziehung” habe ich mir natürlich auch gleich “Die Super Nanny: Glückliche Kinder brauchen starke Eltern” gekauft. Wenn ich jetzt nicht die Super Mama werde, dann weiß ich´s auch nicht 🙂

Eure Kathrin Bolte

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.