Ich bin überfordert – mit dem Schulleben meiner Tochter

Ich bekenne:

Ich bin überfordert!

Und zwar mit dem was meine Tochter in der Schule alles leisten muss.

Hat eigentlich jemand bei der Entscheidung für das Turbo-Abi mal an die geplagten Eltern gedacht? Ich meine, dass die Schüler vollends überfordert sind und auf dem Gymnasium kaum noch an Freizeit zu denken ist, das ist hinlänglich bekannt. Doch mir als Elternteil geht so langsam der Arsch auf Grundeis. Jeden Tag stundenlanges Hausaufgaben machen. Nein, ich mache nicht die Hausaufgaben meiner Tochter, aber ich muss sie nach einem stressigen Schultag stundenlang motivieren. Ihr immer wieder vorbeten wie wichtig das Ganze doch ist. Ich kontrolliere auch nicht die Aufgaben. Das ist meiner Meinung nach voll und ganz die Aufgabe der Lehrer – die werden schließlich dafür bezahlt. Dennoch ist der damit verbundene Stress einfach zu viel für mich. Schließlich habe ich ja auch noch einen Job, ja und das bisschen (!) Haushalt nicht zu vergessen. Und wenn ich schon mal drüber nachdenke, hatte ich auch mal Freizeit.

Die Spitze des Eisbergs wird erreicht, wenn ein Schüler mal krank war und seine Mitschüler durch die Bank weg nicht in der Lage sind, das erarbeitete Schulmaterial für den Fehlenden mit einzustecken, geschweige denn mal die Hausaufgabe durchzugeben. Klappt bei uns eher selten. Schreibt man dann – aufgrund der modernen Schulvernetzung – eine Mail an die Lehrkraft, schreibt diese zurück “Ich kann mich doch nicht um alles kümmern”. Also jetzt mal im Ernst. Das schreib ich demnächst auch ins Aufgabenheft: “Sie wollen das XY Hausaufgaben macht? Ich kann mich doch nicht um alles kümmern.”

Kommen wir dann mal zum Sportunterricht. Da muss das Kind zwei paar Schuhe mitschleppen. “Wir gehen im Sport mal raus und sind dann mal drin – in einer Sportstunde”. Bislang habe ich die Hallenschuhe einmal in der Woche in die Waschmaschine gesteckt, sollte der Sportunterricht mal draußen stattgefunden haben. Aber nein, Sportlehrer verlangen zwei paar Schuhe. Die Folge: man hetzt in die Stadt, viel zu teure Sportschuhe gekauft – und in drei Monaten das gleiche Spiel. Ist ja nicht so als wären die Zwerge mit elf ausgewachsen.

Am schlimmsten aber empfinde ich die Arbeiten. So ein Schuljahr ist ja nicht gerade kurz. Arbeiten aber werden in nahezu allen Fächern immer zu identischen Zeiten geschrieben. Zwei bis drei Arbeiten die Woche in einem Zeitraum von drei Wochen. Also zu den gefühlten 20 Stunden Hausaufgaben am Tag kommt dann noch das Lernen dazu. Zusätzlich pauken wir täglich an die 25 Vokabeln. Von nix kommt ja schließlich nix. Und wenn man dann eine Tochter hat, die vielleicht nicht ganz so schnell im Unterricht mitkommt, dann muss man glatt zu Hause den Oberlehrer mimen. Sorry, ich bin damit überfordert. Mit fast 40 nochmal mit Bruchrechnen anfangen? Braucht doch sowieso kein Mensch. Gibt es ja auch bestimmt im richtigen Leben eine App für.

Warum werden wir dafür bestraft, dass wir einen höheren Bildungsabschluss anstreben? Und warum haben Eltern von Gymnasiasten eigentlich keine Freizeit mehr? Und warum zählt für´s Abi hinterher nur noch was in den letzten beiden Jahren gelaufen ist?

Ob mein Kind vielleicht einfach auf der falschen Schule ist? Stop! Bevor ihr mich nieder macht. Ich bin keine von diesen ehrgeizigen Müttern, die ihre Kinder in den Wahnsinn treiben, weil man ja ohne Abi nix wird. Mein Kind ist goldrichtig auf dem Gymnasium. Bringt auch super Noten mit nach Hause. Doch sie darf einfach kein Kind mehr sein und das finde ich verdammt nochmal schade. Mit den hohen Ansprüchen, die Firmen heute an ihre Auszubildenden haben, nehmen wir den Kindern die komplette Kindheit. Mit dem Vorurteilen, Kinder von der Hauptschule sind alles assoziale Taugenixe, die früher oder später sowieso von Hartz IV leben, machen wir uns selbst das Leben schwer. Klar, jeder will für sein Kind das Beste. Da nehme ich mich gar nicht von aus. Mein Kind soll es mal einfacher haben als ich. Ihr sollen alle Türen offen stehen. Sie soll finanziell ein besseres Leben führen. Doch ein Leben mit einer Kindheit die nur bis zum 9. Lebensjahr reicht, ist für mich fragwürdig. Vielleicht will sie ja auch die vielen Türen, die Eltern ihr öffnen wollen, gar nicht aufmachen?

Liebe Grüße sendet eine gestresste Kathrin Bolte

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