Geschichten vom Andersdenken

Aus dem Leben eines PAZ-Mitarbeiters

Seit über einem Jahr bin ich nun schon im Landkreis Peine für die PAZ unterwegs. „Warum machst du dir den Stress eigentlich?“ fragte mich neulich eine Freundin.

„Reich wirste doch dabei nicht, oder?“ fragte SIE und schaute mich erwartungsvoll an. Kurz vorher hatten wir gerade darüber gesprochen wie viele tolle neue Bücher es doch zur anstehenden Buchmesse wieder geben wird und wie wenig davon ich aufgrund chronischer Pleite werde kaufen können.

Ich kam ins Grübeln. „Ja, okay, reich wird man nicht. Aber es macht Spaß. Unheimlich viel Spaß“, meinte ICH. Doch was genau macht mir eigentlich Spaß an dieser Arbeit? Ich bin meist dann unterwegs, wenn andere ihre Freizeit genießen. Also am Wochenende. Das geht im schlimmsten Fall freitags abends mit einem Theaterstück – das mich nicht interessiert – los, führt über Empfänge und Sitzungen, weiter über Veranstaltungen mit einer Horde kleiner Kinder, die nicht nur kontinuierlich schreien, sondern beim Gruppenfoto einfach nicht in die Kamera gucken wollen. Dann gibt es da noch Veranstaltungen unter dem Motto „Wer ist hat die schönste Kuh im Stall?“, bis hin zu Maskenbällen, Schießsportveranstaltungen oder eben Feministinnenabende. Aber es sind einfach die Menschen ich dabei kennenlernen, die mich faszinieren, mich motivieren und die mich inspirieren.

Na und dann sind es solche Anrufe, wie der am Mittwoch…

ER aus der Redaktion. „Haste am Wochenende ein bischen Zeit für uns?“ „Was haste denn?“ frag ICH. Was tolles: eine Ranzenparty. „Yeah. Da bin ich sowieso. Okay und sonst?“ sag ICH. „Dann habe ich noch was ganz tolles. Genau das Richtige für dich. Es wird dir Spaß machen“, wirbt ER. Ich denke an Aufträge wie Wer hat das schönste Huhn? Oder auf irgend einem Dorf wird der schönste Blumenkübel gekürt. Nein. Es kommt ganz anders.

„Da in Essinghausen da feiern die Junggesellen Jubiläum“, sagt ER. Ich horche auf. Junggesellen. Essinghausen. Das war vor 20 Jahren vielleicht mal überaus interessant und hätte ein Feuerwerk der Gefühle in mir ausgelöst. Aber jetzt? Jetzt könnten das alle meine Kinder sein. Also theoretisch. Und das soll was für mich sein? Welchen Eindruck habe ich da in der Redaktion nur hinterlassen? Doch es kommt noch, naja, schlimmer. „Also du trifft dich mit dem Festausschuss oder sowas ähnliches. Also praktisch mit den Gründungsmitgliedern“, sagt ER und wird dabei immer leiser. Absicht? Telefon kaputt? Es rattert. Also in meinem Kopf. Junggesellschaft Essinghausen, die gibt es doch schon ur lange. Gründungsmitglieder???? Ich gucke parallel im Internet und bin platt. Da steht: “Junggesellschaft Essinghausen von 1865“. „Cool“; sag ICH „DIE will ich kennenlernen.“

Das damit meine Auftragslage für das anstehende Wochenende noch nicht zuende sein sollte merkte ich schnell. Eigentlich wollte ich ja einen entspannten Abend mit meiner Tochter verbringen, ein bisschen den Schal weiterstricken, der schon 2013 fertig werden sollte. Doch ER machte mir schnell klar: es geht weiter. „Ja und dann könntest du doch eigentlich noch in Duttenstedt ins Theater“. Duttenstedt? Theater? Ich bin in Duttenstedt groß geworden, zwischen stinkenden Bauernhöfen und Junggesellen (da waren sie wieder). Ich konnte damals nicht schnell genug dort weg kommen und zog daher nach Meerdorf (auch nicht besser), bis ich mit 20 endlich wieder ein Stadtkind wurde. „Na okay“, sag ICH. Weil inzwischen blinken die Dollarzeichen in meinen Augen. Was sollte ich an einem Samstag denn auch sonst machen? Ich meine, die Family sitzt vor dem TV. Schaufelt Chips in sich rein, MANN trinkt vielleicht einen eisgekühlten Havanna und ich kann eh grade nicht mitziehen, weil ich Medikamente einwerfen muss, deren Wirkung eineinhalb Stunden nach Genuss einem doppelten Havanna gleich kommen. „Ja, mach ich“, so ICH und sehe mein Wochenende dahin schmelzen.

„Ja, und Sonntag?“ fragt ER, wieder voller Erwartung auf eine positive Antwort. „Ja, und Sonntag?“ frage ich ebenso erwartungsvoll und rechne mit einem Kindergottesdienst, einer Verabschiedung eines tollen Pastors, einer Geflügelschau oder mit einem Konzert? Vielleicht auch eine Ausstellungseröffnung? Eine Kunstausstellung? „Da wäre noch der Dorfflohmarkt in Wendeburg“ sagt ER. Ich freue mich. Ich liebe Flohmärkte, da kann man oft soooo günstig Bücher einkaufen. „Klar“ sage ICH und zähle schon mal das Kleingeld, das ich in einer großen Vase auf dem Schreibtisch horte (eigentlich spare ich das für Freischießen, klappt aber meist nicht, weil ich das Kleingeld immer für die Parkuhr verwende.)

Na, und so ist mein Wochenende spontan verplant. Weil Schreiben muss man ja auch noch. Und die Fotos sichten und aussortieren und sowas alles. Und dann kommt mir wieder in den Sinn, dass meine Freundin mich eine gefühlte Ewigkeit anschaut. “Na weil es einfach Spaß macht!”

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